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Tandem-Pilot gesucht
Geschrieben am Montag, 15.August. @ 21:59:20 CEST von Dirk
 
  Tourentreffs und RTF

Blind und vom Velo begeistert

Norbert Müller ist blind, aber das Radfahren bleibt seine Leidenschaft. Gesucht: Piloten fürs Tandem. Probleme gebe es nicht, schreibt er in der VeloPost der IG Velo.

Meine ersten Fahr-Erfahrungen machte ich, wie wohl die meisten von uns, auf dem Dreirad. Irgendwann hatten meine Eltern es mir zu Weihnachten geschenkt, und ich fuhr eifrig damit im Hof hinter unserem Haus herum. Auf die Straße durfte ich nicht alleine fahren, hatten meine Eltern mir gesagt, und als braver Bub hielt ich mich natürlich daran. Ich wusste ja nicht, dass ich blind war - zumal ich damals noch hell und dunkel sehen konnte.

Eines Tages nahm mein Cousin Armin mich auf seinem Roller mit. Aus dem Dreiradalter war ich inzwischen heraus, und das Rollerfahren machte mir Spaß. Ich bekam bald selbst einen Roller, mit dem ich bei uns im Hof oder auf dem Bürgersteig vor unserem Haus fahren konnte. Gelegentlich war ich auch mit meinem Vater im Wald unterwegs. Inzwischen wusste ich, dass ich blind war und aufpassen musste, dass ich nicht vom Weg abkam oder ahnungslose Fußgänger nicht erschrecken durfte, weil ich ihnen nicht auswich. Aber mein Vater passte gut auf, und so kam es nur einmal zu einem Zusammenstoß mit einem Passanten - und das war jemand, den wir gut kannten.

Nach dem Roller - das wusste ich - würde das Fahrrad kommen. Aber das schien meinen Eltern und vor allem auch meiner über 80-jährigen Oma, die im gleichen Hause wohnte, zu gefährlich.

Das Interesse am Radfahren aber blieb; und als ich 21 Jahre alt war und mein Vater wieder anfing, selbst Rad zu fahren, war die Gelegenheit da: Wie früher mit dem Roller gingen wir zu wenig benutzten Wegen oder auf den Sportplatz, wo ich dann fahren konnte. Wenn unerwartet etwas im Weg auftauchte oder ich - ohne es zu merken - zu dicht an den Wegrand kam, konnte mein Vater mich durch Zuruf oder Pfiff warnen.

Ich wusste damals schon, dass es Tandems gab, wo zwei Leute auf einem Rad fahren konnten; aber als Student war ich nur selten zu Hause bei meinen Eltern im Saarland, und so blieb das Tandemfahren zunächst mal ein Zukunftsprojekt.

Die Premiere

1979 besuchte ich dann Freunde, die ein Tandem besaßen. Schon die erste Rundfahrt hat mich natürlich begeistert: Endlich konnte ich mal eine richtige Strecke fahren, ohne ständig wenden zu müssen. 1981 lebte ich wieder im Saarland, war berufstätig und kaufte mir mein erstes eigenes Tandem, ein Renntandem von Peugeot. Mein Freund Rainer, der auch blind ist, hatte das gleiche Rad. Und er hatte eine Bekannte, die gerne mit mir fahren wollte. Auch mein Vater stand als Tandempilot bereit; ich wusste also, dass sich die Anschaffung lohnen würde.

Wir haben damals herrliche Ausflüge gemacht. Und da Tandems immer noch selten waren, gab es bei Fahrten natürlich jede Menge Kommentare der Passanten zu hören, am häufigsten "Der wo hinne huggt, träht nit mit" (der, der hinten sitzt, tritt nicht mit).

Ich muss hier erwähnen, dass Monika, meine hauptsächliche Tandempilotin, sogar lieber Tandem als "reguläres" Fahrrad fuhr, weil man sich beim Tandemfahren besser unterhalten kann. Und auch mein Vater war immer ganz stolz, wenn er mit mir unterwegs war. Er grüßte jeden Passanten, damit ihn ja alle mit mir auf dem Tandem sehen konnten.

Natürlich machte ich auch die Erfahrung, die wohl kaum einem blinden Tandemfahrer erspart bleibt: Bevor ich das Fahrrad gekauft hatte, sagten viele Freunde zu mir: "Au ja, kauf dir ein Tandem; dann fahren wir mal zusammen!" Als ich das Rad hatte, sind sie "mal" - nämlich ein "mal" mit mir gefahren; dann hatten sie die Erfahrung, mal Tandem gefahren zu sein - und ich hatte das Tandem. Das war aber nicht so schlimm für mich, da ich ja meine zwei "Stamm-Piloten" hatte.

Pause in den USA

1983 kam die erste Tandempause, weil ich für 16 Monate in die USA ging. Mein Tandem hatte ich nicht mitgenommen, zumal ja ursprünglich vorgesehen war, dass ich nur vier Monate bleiben würde. Als ich zurück kam, war Monika aus dem Saarland weggezogen; so blieb mir noch mein Vater als Pilot. Später kam dann noch der Vater meiner damaligen Freundin hinzu; wir fuhren vorwiegend im Wald, was natürlich nicht das Ideale für ein Renntandem war.

Dann trennte ich mich von der Freundin, mein Vater bekam gesundheitliche Probleme, und ich wurde im Blindenwesen so aktiv, dass ohnehin kaum Zeit fürs Tandemfahren blieb. 1996 zog ich nach Weil und verkaufte mein altes Tandem an meine Tante. Ich wusste aber, das ich das Radfahren nicht für immer aufgeben würde. Ich wollte es meiner Frau nur nicht zumuten, dass ich an den wenigen Wochenenden, an denen ich nicht ohnehin unterwegs war, auch noch Tandem-Ausflüge machen würde, anstatt die freien Tage mit ihr zu verbringen.

Seit Ende 2003 habe ich nun keine Ehrenämter mehr im Blindenwesen. Und als mir der Arzt wegen Problemen mit dem Knie dann noch empfahl, Rad zu fahren, stand für mich fest: Der Zeitpunkt für ein neues Tandem war gekommen. Zuerst musste ich aber sicherstellen, dass ich auch Piloten hätte, die mit mir fahren wollen. Die fand ich über eine Zeitungsannonce; auch zwei Leute aus unserem Bekanntenkreis waren an Tandemfahrten interessiert, und so nahm ich den Tandemkauf in Angriff.

Ich entschied mich diesmal für ein Mountainbike, weil ich besser für Fahrten im Wald gerüstet sein wollte; auch sollten mich Berge nicht mehr so "quälen" wie zu Rennradzeiten. Und so kam dann am 9. Juli 2004 mein neues Mountainbike von Cannondale, mit dem ich jetzt wieder auf zwei Rädern unterwegs sein kann.

Stammpilot Koch

Mein wichtigster Tandempilot ist Wolfgang Koch aus Schopfheim. Mit ihm mache ich die weitesten Ausflüge, er sucht Strecken aus, die unsere Fitness steigern, und er steht regelmäßig einmal pro Woche zur Verfügung. Unsere weiteste Tour hat uns von Weil am Rhein aus bis 12 km vor Todtnau geführt; hätte ich nicht am Nachmittag einen Termin gehabt, wären wir bis Todtnau gefahren und hätten an dem Tag eine Gesamtstrecke von 100 km zurückgelegt.

Wie viele Informationen der blinde Beifahrer erwartet, ist von Person zu Person unterschiedlich. Mir muss man Kurven und dergleichen nicht ansagen, da ich das ja spüre und mich automatisch entsprechend in die Kurve lege. Ich erwarte auch nicht, dass mein Pilot mir ständig die Landschaft beschreibt, die wir durchqueren; mir reichen meist die Eindrücke, die ich ohnehin gewinne; natürlich ist es auch schön, über interessante Dinge ("Da rechts stehen Störche im Feld!") informiert zu werden. Ansonsten würde ich fragen, wenn ich etwas wissen will.

Gewünscht: ein Pool

Es ist hilfreich, wenn man einen "Pool" von Piloten hat. Eine Tour pro Woche ist mir zu wenig. Manchmal wäre es schön, noch nach Feierabend eine kleine Runde drehen zu können. Darüber hinaus habe ich aber auch ehrgeizigere Pläne: Mich interessieren mehrtägige Reisen und Touren von mehr als 100 km am Tag. Ich möchte mal eine Bekannte in Schönenwerd bei Aarau mit dem Tandem besuchen. Mein Traum ist natürlich, mal entlang meines Heimatflusses, der Saar, von der Quelle bis zur Mündung zu fahren.

Das setzt natürlich voraus, dass man vorher auf kürzeren Strecken geübt und sich aufeinander eingespielt hat. Den Willen habe ich, die Erfahrung habe ich, das Tandem habe ich, wo bleiben die Piloten?

Wer das Tandemfahren mit Norbert Müller probieren will, schicke ihm ein E-Mail: norbert@millernorbert.de. Seine Homepage: www.millernorbert.de

 

 

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